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KI im Notariat: Wer bremst, verliert
Openlaw sammelt Millionen ein, um notarielle Prozesse zu digitalisieren. Doch während Österreich und die Schweiz vorpreschen, blockiert Deutschland – aus Angst vor Kontrollverlust. Wer gewinnt das Rennen um die Zukunft des Grundbuchs?
Marcus Heller
16. April 2026
Es war ein Mittwochmorgen in Wien, als Jakobus Schuster beschloss, den deutschen Notaren den Kampf anzusagen. Sein Startup Notarity hatte gerade die erste digitale Beglaubigung in Österreich abgewickelt – ohne Papier, ohne Wartezeit, nur mit KI und einer Handvoll Algorithmen. Was in Wien funktionierte, sollte auch in München klappen. Doch dann kam die Bundesnotarkammer. Die Reaktion war so vorhersehbar wie ein Grundbucheintrag: Ablehnung. 'Private Anbieter gefährden die Authentizität notarieller Urkunden', hieß es in einer Stellungnahme. Schuster zuckte nur mit den Schultern. 'Wer bremst, verliert', sagte er später in einem Hintergrundgespräch. [6]
Dabei ist der Druck auf die Branche längst spürbar. In der Schweiz läuft seit 2021 das Pilotprojekt 'Notariat+', das Grundbuchgeschäfte digital abwickelt. Die Bedag Informatik AG, ein staatlicher IT-Dienstleister, hat hier die Federführung übernommen. 'Wir sehen eine deutliche Beschleunigung der Prozesse', berichtet ein Projektverantwortlicher. 'Was früher Wochen dauerte, ist jetzt in Tagen erledigt.' Die Schweizer Notare, sonst nicht für ihre Experimentierfreude bekannt, zeigen sich überraschend offen. 'Die Technologie zwingt uns, unsere Rolle neu zu denken', sagt ein Zürcher Notar. 'Aber sie nimmt uns nicht die Verantwortung ab.' [7]
Die Technologie, um die es geht, ist keine Raketenwissenschaft – aber sie trifft den Nerv der Zeit. Openlaw, das jüngst eine siebenstellige Seed-Finanzierung einsammelte, setzt auf No-Code-Lösungen und KI, um Verträge zu erstellen, zu prüfen und sogar notariell beglaubigen zu lassen. 'Unsere Plattform ist wie ein Schweizer Taschenmesser für Juristen', erklärt ein Gründer. 'Sie müssen kein Programmierer sein, um komplexe Workflows zu automatisieren.' Die Zielgruppe? Nicht nur Notare, sondern auch Immobilienentwickler, Banken und Kommunen, die unter veralteten Prozessen leiden. [1]
Doch während die Schweiz und Österreich vorpreschen, bleibt Deutschland ein schwieriger Markt. Die Bundesnotarkammer argumentiert, dass digitale Lösungen die 'hoheitliche Funktion' der Notare untergraben könnten. Branchenkreise sehen das anders. 'Es geht nicht darum, Notare zu ersetzen, sondern sie zu entlasten', sagt ein LegalTech-Investor. 'Die meisten Notare verbringen 80 Prozent ihrer Zeit mit administrativem Kram. KI könnte ihnen helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.' Ein Blick nach Österreich zeigt, wie das aussehen könnte: Notarity hat dort bereits digitale Beglaubigungen eingeführt – und spart seinen Kunden damit nicht nur Zeit, sondern auch Nerven. [6]
Die treibende Kraft hinter dem Wandel ist der Immobilienboom. In Ballungsräumen wie Berlin oder München sind Grundstücke heiß begehrt – und die Wartezeiten für notarielle Beglaubigungen werden zum Flaschenhals. 'Jeder Tag Verzögerung kostet Geld', sagt ein Projektentwickler. 'Wenn wir in Österreich eine Transaktion in 48 Stunden abwickeln können, warum dauert es in Deutschland dann Wochen?' Die Antwort liegt in der Regulierung. Während die EU mit Initiativen wie eIDAS einen Rahmen für digitale Beglaubigungen schafft, hinkt Deutschland bei der Umsetzung hinterher. 'Die Politik redet viel über Digitalisierung, aber wenn es konkret wird, blockieren die Lobbyisten', kritisiert ein Branchenkenner. [2]
Dabei gibt es längst Lösungen, die auch in Deutschland funktionieren könnten. NotarNow, ein deutsches LegalTech-Startup, bietet KI-Tools an, die Grundbuchauszüge automatisch auslesen und Nachlassverzeichnisse erstellen. 'Unsere Software ist kein Ersatz für den Notar, sondern ein Werkzeug', betont ein Sprecher. 'Sie hilft, Fehler zu vermeiden und Prozesse zu beschleunigen.' Doch ohne die Unterstützung der Bundesnotarkammer bleibt der Markt fragmentiert. 'Solange die Notare nicht mitziehen, wird sich nichts ändern', sagt ein Insider. [5]
Die Frage ist nicht mehr, ob die Digitalisierung kommt, sondern wer sie gestaltet. Openlaw und Notarity setzen auf Kooperationen mit progressiven Notaren, während die Bundesnotarkammer weiter auf die Bremse tritt. 'Die nächsten zwei Jahre werden entscheidend sein', sagt ein Investor. 'Wer jetzt nicht investiert, wird später zahlen – in Form von verlorenen Marktanteilen.' Die Schweiz und Österreich zeigen, dass es auch anders geht. Doch in Deutschland bleibt die Zukunft des Notariats eine Frage von Macht – und nicht von Technologie. [1]
Hintergrund
Der DACH-Raum steht vor einem Paradox: Während der LegalTech-Markt global deutlich wächst und Investoren wie Y Combinator Millionen in Startups wie Openlaw pumpen, blockieren in Deutschland traditionelle Institutionen wie die Bundesnotarkammer den Fortschritt. Österreich und die Schweiz zeigen mit Projekten wie Notariat+ und Notarity, dass digitale Beglaubigungen und KI-gestützte Grundbuchauszüge keine Zukunftsmusik mehr sind. Doch ohne regulatorische Rückendeckung bleibt der deutsche Markt ein zähes Pflaster für Innovationen – und riskiert, den Anschluss zu verlieren.
Quellen
- [1]Platus: Instant Legal Infrastructure - Draft, Sign, Notarize & Process | Y Combinator
- [2]A Running Timeline of Legal Tech Investments, Funding Rounds
- [3]LegalTech Startups funded by Y Combinator (YC) 2026 | Y Combinator
- [4]KI im Notariat: Revolutionäre Automatisierung für 2025
- [5]NotarNow | KI-Software & Online-Formulare für Notare
- [6]Notarity: Dieser Österreicher digitalisiert den Gang zum Notar – und drängt auf den deutschen Markt
- [7]Digitalisierung der Grundbuchgeschäfte mit Notariat+ – Bedag Informatik AG
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