Werte im digitalen Zeitalter.
Mietkaution ade – wie AXA die Branche aufmischt

Foto: Photo by Jakub Zerdzicki on Pexels

Digitalisierung & Software

Mietkaution ade – wie AXA die Branche aufmischt

In Zürich zahlt ein Mieter plötzlich keine Kaution mehr – stattdessen fließt das Geld in seine Altersvorsorge. Was wie ein Traum klingt, ist bei AXA Schweiz längst Realität. Doch wie funktioniert das Modell, und warum könnte es den DACH-Markt aufrollen?

Marcus Heller

2. September 2026

Es war ein Dienstagmorgen im November 2017, als die Nachricht in der Schweizer Immobilienbranche einschlug wie ein Blitz: AXA Winterthur verkündete, die klassische Mietkaution abzuschaffen. Statt drei Monatsmieten auf ein Sperrkonto zu bannen, sollten Mieter künftig wählen können – entweder eine jährliche Gebühr oder, für Neumieter, sogar kostenlos. Der Clou: Ein Kollektivvertrag springt ein, wenn Schäden oder Mietausfälle drohen. Branchenkreise raunten damals, das sei entweder genial oder leichtsinnig. Heute, sieben Jahre später, zeigt sich: Es war beides. Und es funktioniert. [1][3]

Hinter dem Modell steckt ein simples Prinzip: Liquidität. Statt tausende Franken auf einem Konto zu parken, das kaum Zinsen abwirft, können Mieter das Geld anderweitig einsetzen – sei es für die nächste Mietwohnung, eine Investition oder, wie ein Vermieter aus Basel schmunzelnd anmerkte, „für die dritte Kaffeemaschine in der WG“. AXA übernimmt das Risiko, verlangt aber im Gegenzug eine Gebühr. Für bestehende Mieter bedeutet das eine jährliche Zahlung, Neumieter kommen kostenlos in den Genuss. Über 20.000 Haushalte haben sich bereits angeschlossen, Tendenz steigend. Ein informierter Makler aus Zürich nennt es „die größte Entlastung für Mieter seit der Einführung des Online-Mietvertrags“. [3]

Doch wie überzeugt man Vermieter, auf eine jahrzehntelang bewährte Sicherheit zu verzichten? Hier kommt die Digitalisierung ins Spiel. Plattformen wie goCaution springen ein und bieten Mietkautionsversicherungen an – ab knapp hundert Franken pro Jahr. Über 70.000 Mieter haben die Vorzugskonditionen bereits genutzt, wie aus Branchenunterlagen hervorgeht. Die Versicherung übernimmt im Schadensfall die Kosten, während der Vermieter weiterhin auf eine solvente Absicherung zählen kann. Ein Property-Manager aus Genf berichtet: „Früher mussten wir stundenlang Kautionskonten prüfen. Heute reicht ein Klick in der Software, und die Police ist hinterlegt.“ [4]

Die eigentliche Revolution aber spielt sich im Hintergrund ab. KI-gestützte Tools automatisieren die Mieterprüfung, analysieren Bonitäten in Echtzeit und verwalten Mietverträge ohne manuellen Aufwand. Ein Startup aus Berlin hat kürzlich ein System vorgestellt, das selbstständig Leasing-Verträge verlängert – inklusive Kautionsoption. „Die Technologie macht den Kollektivvertrag erst skalierbar“, sagt ein Insider aus der PropTech-Szene. „Ohne KI wäre das Modell ein administrativer Albtraum.“ In der Schweiz setzen bereits erste Vermieter auf solche Lösungen, um den AXA-Vertrag nahtlos in ihre Prozesse zu integrieren. [6][7]

Während die Schweiz vorprescht, hinken Deutschland und Österreich noch hinterher. Zwar gibt es erste Versuche mit digitalen Kautionslösungen, doch ein flächendeckendes Modell wie bei AXA fehlt. „Die Skepsis ist groß“, erklärt ein Wiener Immobilienanwalt. „Vermieter fürchten, dass sie im Schadensfall auf den Kosten sitzen bleiben.“ Doch die Argumente für das System sind überzeugend: Mieter gewinnen finanzielle Freiheit, Vermieter sparen Verwaltungsaufwand, und Versicherer erschließen sich ein neues Geschäftsfeld. Ein Münchner PropTech-Gründer bringt es auf den Punkt: „Wer heute noch auf klassische Kautionen setzt, ignoriert die Zukunft.“ [3]

Doch nicht alles glänzt. Kritiker monieren, dass die jährliche Gebühr für Mieter langfristig teurer sein könnte als eine einmalige Kaution. Zudem bleibt die Frage, wie Vermieter reagieren, wenn der Kollektivvertrag im Schadensfall nicht alle Kosten deckt. Ein Zürcher Hausverwalter berichtet von einem Fall, bei dem die Versicherung nur einen Teil der Reparaturkosten übernahm – der Rest landete beim Eigentümer. „Das System ist nicht perfekt“, räumt er ein. „Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.“ [3]

Die größte Hürde aber ist die Mentalität. In der Schweiz, wo Mietkautionen seit Jahrzehnten Standard sind, brauchte es Überzeugungsarbeit. Ein Vermieter aus Bern erzählt, wie er zunächst skeptisch war – bis ein Mieter ihm vorschlug, das freigewordene Geld in die Sanierung der Fassade zu stecken. Heute wirbt er aktiv für das Modell. „Es geht nicht nur um Geld“, sagt er. „Es geht darum, das Mieten einfacher zu machen.“ Und genau das könnte der entscheidende Hebel sein, um den DACH-Markt zu verändern. [1]

Hintergrund

Die Schweiz gilt als Vorreiter für alternative Kautionsmodelle, doch der Druck auf Deutschland und Österreich wächst. Hohe Mieten in Ballungsräumen und der Wunsch nach digitalen Lösungen treiben die Nachfrage an. Während in Zürich bereits 20.000 Haushalte profitieren, setzen erste PropTech-Startups in München und Wien auf ähnliche Ansätze. Die Frage ist nicht mehr, ob das Modell kommt – sondern wer es als Erster flächendeckend umsetzt.

Weitere Beiträge

KI-Datenräume als Prozessbeschleuniger in Immobilientransaktionen
Digitalisierung & Software

KI-Datenräume als Prozessbeschleuniger in Immobilientransaktionen

Anna Lenz·3. September 2026

Virtuelle Datenräume entwickeln sich von passiven Dokumentenarchiven zu aktiven KI-gestützten Prozessbegleitern. Für Immobilienunternehmen bedeutet das: Due-Diligence-Prüfungen laufen schneller, Risiken werden automatisiert erkannt, und Stakeholder arbeiten in Echtzeit zusammen. Bis 2026 wird diese Technologie als zentraler Treiber für Effizienz und Compliance in der Branche gelten.

Mietkaution ade – wie AXA die Branche aufmischt | The Asset