
Foto: Generated with Black Forest Labs Flux
PropTech-Mafias: Wie Exits Karrieren beschleunigen
Was passiert, wenn ein PropTech-Startup verkauft wird? Die Gründer kaufen sich Villen – und die Mitarbeiter gründen die nächsten Unicorns. Im DACH-Raum formieren sich „Startup Mafias“, die ganze Branchen umkrempeln. Zwei Insider erklären, warum diese Netzwerke jetzt zum Game-Changer werden.
Marcus Heller
8. September 2026
Es war ein Dienstagabend im September, als Stefan Köppl und Jakob Steinschaden im Wiener Studio von Trending Topics saßen. Vor ihnen lag der Start des „Founders Dispatch“, eines Podcasts, der sich anschickte, die unsichtbaren Fäden der PropTech-Szene zu entwirren. „Die meisten denken, Exits enden mit einem Scheck“, sagte Köppl, Bundesvorstand der Jungen Wirtschaft Österreich. „Doch in Wahrheit fangen sie dann erst an.“ Was er meinte: Die wahren Gewinner sind nicht die Gründer, die sich zurücklehnen, sondern die Mitarbeiter, die mit ihrem Wissen und Netzwerk die nächste Welle lostreten. Die beiden sprachen über „Startup Mafias“ – ein Phänomen, das im Silicon Valley längst Kultstatus hat, im DACH-Raum aber erst jetzt richtig Fahrt aufnimmt. [1][6]
Die Mechanik dahinter ist simpel, aber mächtig. Nehmen wir ein fiktives Wiener PropTech, das nach Jahren des Kampfes an einen US-Investor verkauft wird. Die Gründer gehen mit Millionen nach Hause – doch die wahren Profiteure sind die Entwickler, Vertriebler und Produktmanager, die plötzlich Zugang zu Kapital, Kontakten und Erfahrung haben. „Die meisten von ihnen gründen innerhalb von zwei Jahren ihr eigenes Ding“, erklärt Steinschaden, der als Journalist seit 2006 Tech-Szenen beobachtet. Sein Buch „Digitaler Frühling“ beschrieb schon 2012, wie Netzwerke Macht verschieben. Heute sieht er das Gleiche in der Immobilienbranche: Ehemalige von Unternehmen wie McMakler oder Propster bilden jetzt den Kern neuer Gründungswellen – nicht wegen eines Masterplans, sondern weil sie wissen, wie man in einem undurchsichtigen Markt skaliert. [3][5]
Doch warum funktioniert das ausgerechnet im DACH-Raum? Köppl verweist auf die Junge Wirtschaft Österreich, ein Netzwerk mit neun Landesorganisationen, das gezielt junge Unternehmer fördert. „Wir sehen, dass Gründer nach einem Exit nicht verschwinden, sondern zu Mentoren werden“, sagt er. Die JW organisiert Events wie den „JW Summit“, bei denen genau diese Dynamik sichtbar wird: Ehemalige eines erfolgreichen Startups sitzen plötzlich mit Investoren und Politikern an einem Tisch – und gründen nebenbei ihr nächstes Projekt. In Deutschland und der Schweiz übernimmt der Verband RE|TECH|DACH eine ähnliche Rolle. Dessen Veranstaltungen wie die „PROP|TECH Con“ sind längst keine reinen Fachmessen mehr, sondern Brutstätten für neue Mafias. [1][4]
Die Macht dieser Netzwerke zeigt sich besonders bei Seed-Finanzierungen. „Investoren rennen nicht mehr nur hinter Pitch-Decks her, sondern hinter Teams mit Exit-Erfahrung“, erzählt ein Branchenkenner, der anonym bleiben will. Der Grund: Wer schon einmal ein Unternehmen durch die Hölle der Skalierung gebracht hat, weiß, wie man mit Krisen umgeht. Das reduziert das Risiko für Geldgeber spürbar. Steinschaden beobachtet, dass Medien wie Trending Topics diese Entwicklung beschleunigen. „Wenn wir über einen Exit berichten, melden sich innerhalb von 48 Stunden drei neue Gründerteams bei uns – alle mit dem gleichen Hintergrund.“ Plötzlich wird aus einer Erfolgsgeschichte ein Schneeballsystem der Innovation. [3][6]
Doch es gibt auch Schattenseiten. Julien Martin, Autor eines viel beachteten Artikels über Startup-Mafias, warnt vor einer „Elitenbildung“. „Diese Netzwerke sind extrem exklusiv“, schreibt er. „Wer nicht dazugehört, hat kaum eine Chance.“ Tatsächlich zeigt sich, dass viele der neuen PropTech-Gründungen aus dem gleichen Pool an Ehemaligen schöpfen – eine Art „Old Boys Club 2.0“. Köppl räumt das ein, sieht aber auch eine Lösung: „Wir müssen gezielt Quereinsteiger und Frauen fördern, sonst reproduzieren wir nur die alten Strukturen.“ Die Junge Wirtschaft arbeitet deshalb an Programmen, die gezielt unterrepräsentierte Gruppen in diese Kreise einbinden sollen. [1][7]
Die größte Stärke der Mafias liegt in ihrem Wissenstransfer. „In der Immobilienbranche gibt es kaum eine Industrie, die so sehr von Erfahrungswerten lebt“, sagt ein RE|TECH|DACH-Vorstand. „Wer einmal ein PropTech durch die regulatorischen Mühlen gedreht hat, weiß, wo die Fallstricke liegen.“ Das erklärt, warum viele der neuen Gründungen nicht bei Null anfangen, sondern auf bestehenden Lösungen aufbauen – oft mit ehemaligen Kollegen als ersten Kunden. Steinschaden vergleicht das mit dem „PayPal-Mafia“-Effekt: „Die haben nicht nur neue Unternehmen gegründet, sondern ganze Märkte neu definiert. Genau das passiert jetzt in der DACH-PropTech-Szene.“ [4][6]
Am Ende geht es um eines: Geschwindigkeit. Während klassische Immobilienunternehmen noch über Digitalisierung diskutieren, bauen die Ehemaligen von gestern schon die Tools von morgen. „Die nächste Generation PropTech wird nicht von Konzernen kommen, sondern von Leuten, die wissen, wie man in diesem Markt wirklich skaliert“, prophezeit Köppl. Und die sitzen längst nicht mehr in den alten Hierarchien – sondern in den informellen Netzwerken, die nach jedem Exit stärker werden. Wer hier nicht dabei ist, verpasst nicht nur die nächste Gründungswelle, sondern den Anschluss an eine Branche, die sich gerade neu erfindet. [1][6]
Hintergrund
Der DACH-Raum hinkt im globalen Vergleich oft hinterher, wenn es um Tech-Innovationen geht. Doch im PropTech-Sektor zeigt sich ein anderes Bild: Durch stabile M&A-Kulturen, gezielte Netzwerkförderung und ein wachsendes Medienökosystem entstehen hier Strukturen, die Silicon-Valley-Dynamiken imitieren – nur mit lokalem Twist. Die „Startup Mafias“ sind dabei kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit von Verbänden wie RE|TECH|DACH und Initiativen wie der Jungen Wirtschaft. Sie beweisen, dass Innovation nicht nur aus Garagen kommt, sondern aus den informellen Kreisen, die nach jedem Exit stärker werden.
Quellen
- [1]Stefan Köppl - Junge Wirtschaft
- [2]Future Weekly #496 - Stefan Köppl über Founder-Traps, Seedstrapping und Tech M&A der Zukunft - YouTube
- [3]Jakob Steinschaden ⚡️ (@jakkse) / X
- [4]Startseite - ReTechDach
- [5]Jakob Steinschaden
- [6]Founders Dispatch: Exit-Effekte & Startup Mafias | feat Stefan Köppl + Jakob Steinschaden
- [7]Startups Mafias. Career Hack. - by Julien Martin
Weitere Beiträge

Graepels KI-Revolution: Was PropTech lernen kann
Sophie Wagner·7. September 2026
Thore Graepel, Mitentwickler von AlphaGo, verlässt DeepMind und Altos Labs für ein neues KI-Venture. Sein Fokus auf AI Reasoning könnte die Immobilienbranche verändern – doch der DACH-Raum steht vor der Frage: Kann er solche Talente halten? Ein Blick auf Karrierewege, die Grenzen zwischen Forschung und Markt verschwimmen lassen.

PropTech-Startups setzen auf Kommunen als Partner
Sophie Wagner·30. August 2026
PropTech-Startups im DACH-Raum experimentieren mit kooperativen Geschäftsmodellen, die erst dann Einnahmen bringen, wenn messbare Vorteile für Kommunen entstehen. Doch während Befürworter darin einen Schlüssel zur Überwindung regulatorischer Hürden sehen, warnen Kritiker vor neuen Abhängigkeiten – und der Frage, wer am Ende die Rechnung zahlt.

PropTech auf Erfolgskurs: Bezahlen nur bei Ergebnis
Sophie Wagner·15. August 2026
Kommunen zögern, in digitale Immobilienlösungen zu investieren – trotz politischen Drucks. PropTech-Startups setzen nun auf Vergütungsmodelle, die erst greifen, wenn messbare Vorteile eintreten. Doch wie fair ist diese Risikoverteilung wirklich, und wo stoßen solche Partnerschaften an Grenzen?