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Quanten-Sprung an die Börse

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Quanten-Sprung an die Börse

Mit dem Börsengang von IQM Quantum Computers schreibt Europa Technologiegeschichte – als erstes Quantenunternehmen des Kontinents. Doch während die Branche jubelt, stellt sich die Frage: Kann das finnisch-deutsche Startup die hohen Erwartungen erfüllen oder bleibt der Hype vorerst nur ein teures Experiment?

Sophie Wagner

1. März 2026

Es ist ein Moment, auf den die europäische Tech-Szene jahrelang gewartet hat: IQM Quantum Computers, ein Pionier der supraleitenden Quantenprozessoren, geht als erstes Unternehmen seiner Art an die Frankfurter Wertpapierbörse. „Dieser Börsengang ist ein Meilenstein für die europäische Quantenwirtschaft“, sagt IQM-CEO Dr. Jan Goetz in einer Stellungnahme. Tatsächlich markiert der Schritt nicht nur einen finanziellen Erfolg, sondern auch einen symbolischen Sieg im globalen Wettlauf um die Quantenhoheit – einem Feld, das bisher von US-amerikanischen und chinesischen Akteuren wie IBM, Google und Rigetti dominiert wird. Doch während Investoren und Partner wie Volkswagen oder das Leibniz-Rechenzentrum die Nachricht feiern, bleibt eine zentrale Frage offen: Wird der Börsengang die versprochene Skalierung beschleunigen oder nur die Kluft zwischen Vision und Realität vergrößern? [1][3][4]

Die Zahlen klingen vielversprechend: Mit einer Bewertung von schätzungsweise 500 Millionen Euro vor dem Börsengang und einer Series-A2-Runde von 128 Millionen Euro im Jahr 2022 zählt IQM zu den am besten finanzierten Deep-Tech-Startups Europas. „Das Unternehmen hat bewiesen, dass es in der Lage ist, große Summen zu mobilisieren“, sagt ein Branchenanalyst gegenüber der FAZ. Doch die Herausforderungen sind gewaltig. Quantencomputing steckt noch in den Kinderschuhen – selbst die leistungsfähigsten Systeme von IQM erreichen derzeit nur 20 Qubits, während IBM bereits 433-Qubit-Prozessoren vorstellt. Bis 2025 will IQM die Marke von 50 Qubits knacken, doch Experten warnen vor überzogenen Erwartungen. „Die Technologie ist noch nicht reif für den Massenmarkt“, gibt ein Münchner Investor zu bedenken, der anonym bleiben möchte. [2][3][5]

Ein zentraler Vorteil von IQM liegt in seiner europäischen Verankerung. Während US-Konkurrenzen wie IBM oder Google ihre Quantencomputer vor allem über Cloud-Lösungen anbieten, setzt das finnisch-deutsche Unternehmen auf On-Premise-Systeme – also Quantencomputer, die direkt bei Kunden wie Volkswagen oder dem Leibniz-Rechenzentrum installiert werden. „Das ist ein entscheidender Unterschied“, erklärt ein Sprecher des Leibniz-Rechenzentrums. „Wir brauchen Hardware, die wir physisch kontrollieren können, besonders für sensible Forschungsdaten.“ Doch diese Strategie ist riskant: Die Entwicklung und Wartung solcher Systeme ist extrem kostspielig, und die Nachfrage bleibt vorerst begrenzt. Kritiker fragen, ob IQM mit diesem Modell langfristig gegen die Cloud-Giganten bestehen kann. [1][2]

Die Kooperationen mit Industriepartnern wie Volkswagen, das IQM für die Batterieforschung einsetzt, zeigen jedoch, dass das Unternehmen bereits heute konkrete Anwendungsfälle bedient. „Quantencomputing ist keine Zukunftsmusik mehr“, betont ein VW-Sprecher. „Wir sehen bereits jetzt Potenzial für Optimierungen in der Materialforschung.“ Doch nicht alle Experten teilen diesen Optimismus. „Die meisten Anwendungen sind noch experimentell“, warnt ein Quantenphysiker der TU München. „Es wird Jahre dauern, bis Quantencomputer wirklich produktiv eingesetzt werden können.“ Diese Skepsis spiegelt sich auch in der Bewertung wider: Trotz der hohen Erwartungen bleibt unklar, ob IQM die versprochenen 50-Qubit-Systeme bis 2025 liefern kann. [1][3]

Der Börsengang könnte für IQM daher zum doppelten Risiko werden: Einerseits braucht das Unternehmen frisches Kapital, um seine ambitionierten Ziele zu erreichen. Andererseits setzt der Schritt das Unternehmen unter enormen Erfolgsdruck. „Investoren erwarten schnelle Fortschritte“, sagt ein Venture-Capital-Experte. „Doch Quantencomputing ist ein Marathon, kein Sprint.“ Die Geschichte der Tech-Branche zeigt, dass Börsengänge oft zu kurzfristigem Denken führen – ein Problem, das besonders für Deep-Tech-Unternehmen wie IQM gefährlich sein könnte. Sollte das Unternehmen seine Versprechen nicht einhalten, droht nicht nur ein Kurssturz, sondern auch ein Vertrauensverlust für die gesamte europäische Quantenwirtschaft. [4][5]

Doch es gibt auch Gründe für Optimismus. Mit über 200 Mitarbeitern, darunter rund 100 in Deutschland, hat IQM eine kritische Masse erreicht, die viele europäische Quanten-Startups noch nicht vorweisen können. „Das Unternehmen hat es geschafft, Talente aus der ganzen Welt anzuziehen“, sagt ein Branchenkenner. Zudem profitiert IQM von der politischen Unterstützung: Die EU und nationale Regierungen pumpen Milliarden in die Quantenforschung, um den Rückstand gegenüber den USA und China aufzuholen. „Europa hat die Chance, eine führende Rolle in dieser Schlüsseltechnologie zu spielen“, betont ein Sprecher der Europäischen Kommission. Doch ob IQM diese Rolle ausfüllen kann, hängt nicht nur von technologischen Fortschritten ab, sondern auch davon, ob es gelingt, die Erwartungen der Investoren mit der Realität in Einklang zu bringen. [1][2]

Der Börsengang von IQM ist daher mehr als nur ein finanzieller Meilenstein – er ist ein Testfall für die europäische Quantenwirtschaft. Gelingt es dem Unternehmen, seine Technologie zu skalieren und kommerziell nutzbar zu machen, könnte dies den Weg für weitere Investitionen ebnen. Scheitert IQM jedoch, droht ein Rückschlag, der die gesamte Branche in Mitleidenschaft ziehen könnte. „Es geht nicht nur um IQM, sondern um die Glaubwürdigkeit Europas als Standort für Deep Tech“, sagt ein Münchner Investor. Die nächsten zwei Jahre werden zeigen, ob das Unternehmen die hohen Erwartungen erfüllen kann – oder ob der Quanten-Sprung an die Börse am Ende doch nur ein teures Experiment bleibt. [3][4]

Hintergrund

Der Börsengang von IQM Quantum Computers kommt zu einer Zeit, in der die europäische Quantenwirtschaft unter massivem Druck steht. Während die USA und China mit milliardenschweren Programmen ihre Quantenforschung vorantreiben, kämpft Europa mit fragmentierten Märkten und langsamen Entscheidungsprozessen. Die EU hat zwar mit dem „Quantum Flagship“-Programm ein 1-Milliarden-Euro-Budget für die Quantenforschung bereitgestellt, doch die Umsetzung hinkt hinterher. Gleichzeitig drängen US-amerikanische Unternehmen wie IBM und Google mit immer leistungsfähigeren Quantencomputern auf den Markt. In diesem Umfeld gilt IQM als Hoffnungsträger – doch der Börsengang könnte auch zeigen, wie groß die Kluft zwischen europäischem Anspruch und globaler Realität wirklich ist.

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