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Thomas Herr: Der Tischler, der PropTech regiert

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Thomas Herr: Der Tischler, der PropTech regiert

Wie ein Handwerker zum mächtigsten PropTech-Lobbyisten Deutschlands wurde – und warum die Branche ihm zuhört. Seine These: Die wahre Digitalisierung beginnt nicht im Cloud-Speicher, sondern am Gebäude selbst.

Marcus Heller

28. März 2026

Es war ein Dienstagmorgen im April 2023, als Thomas Herr im Berliner Studio von DMREx Platz nahm. Vor ihm das Mikrofon, hinter ihm 35 Minuten Sendezeit – und eine Branche, die gespannt lauschte. Was der 58-Jährige an diesem Tag sagte, sollte die PropTech-Szene noch Monate beschäftigen: „Digitalisierung fängt nicht im Rechenzentrum an, sondern dort, wo der Mieter den Lichtschalter drückt.“ Ein Satz, der wie ein Schlag ins Gesicht derer klang, die PropTech auf fancy Apps und KI-Chatbots reduzieren. Branchenkreise raunten später, Herr habe damit eine Debatte losgetreten, die bis heute nachhallt – besonders in den Fluren des iddiw, dessen Präsident er seit 2020 ist. [1][2]

Dass ausgerechnet ein Tischler zum PropTech-Papst aufsteigt, ist eine Geschichte, die in der Branche gern erzählt wird – meist mit einem Augenzwinkern. Herr selbst kokettiert damit: „Ich habe gelernt, wie man Türen einbaut, bevor ich wusste, was ein Algorithmus ist.“ Doch der Werdegang ist mehr als eine Anekdote. Nach der Lehre studierte er Betriebswirtschaft, promovierte und landete bei CBRE, wo er als Head of Digital Innovation die Weichen für die digitale Transformation eines der größten Immobilienberater der Welt stellte. „Er hat damals schon gesagt: ‚Wenn wir nicht standardisieren, ersticken wir in Datenmüll‘“, erinnert sich ein ehemaliger Kollege. Heute, als CEO der EVANA AG, predigt er genau das: SaaS-Lösungen, die nicht nur Daten sammeln, sondern Prozesse am Gebäude optimieren – von der Heizungssteuerung bis zur Mieterschnittstelle. [2]

Seine zweite Amtszeit als iddiw-Präsident, bestätigt im Juli 2020, war kein Selbstläufer. „Die Branche ist zäh“, sagte Herr damals in einem Interview – und meinte damit nicht nur die Technologie, sondern die Menschen dahinter. Dass er trotzdem wiedergewählt wurde, spricht Bände. „Thomas hat etwas, das viele PropTech-Gründer nicht haben: Glaubwürdigkeit“, sagt ein Investor aus München. „Er spricht die Sprache der Asset Manager, nicht die der Nerds.“ Tatsächlich setzt er im iddiw auf eine Mischung aus Lobbyarbeit und Aufklärung. Sein Credo: „PropTech muss den Nutzern dienen, nicht umgekehrt.“ Ein Ansatz, der selbst in der Schweiz Anklang findet, wo die Nachfrage nach digitalen Gebäudelösungen spürbar steigt. [3]

Dass Herr die PropTech-Szene nicht nur beobachtet, sondern aktiv formt, zeigt sein jüngster Auftritt im THE PROPERTY Podcast. Am 12. Juni 2024, um 5:17 Uhr morgens, ging die Episode online – und wurde innerhalb von Stunden hundertfach geteilt. „Er hat wieder mal den Finger in die Wunde gelegt“, kommentierte ein Zuhörer auf LinkedIn. „Die Branche redet viel über KI, aber wer digitalisiert eigentlich die Hausmeister?“. Genau das ist Herrs Punkt: Während andere über Blockchain und Metaverse diskutieren, fordert er Lösungen für die Probleme, die Immobilienmanager täglich umtreiben – etwa die Integration von ESG-Daten in bestehende Systeme. „PropTech ist kein Selbstzweck“, betonte er im Podcast. „Es muss die Rendite steigern oder die Arbeit erleichtern. Alles andere ist Spielerei.“. [4]

Doch Herr ist mehr als nur ein Mahner. Als Präsident des iddiw hat er ein Netzwerk aufgebaut, das von Frankfurt bis Zürich reicht. „Er verbindet die alten Hasen mit den jungen Wilden“, sagt eine informierte Person aus dem Verband. „Ohne ihn gäbe es keine gemeinsame Stimme für PropTech in DACH.“ Dass diese Stimme gehört wird, liegt auch an seiner Medienpräsenz. Ob Podcasts, Konferenzen oder LinkedIn – Herr nutzt jeden Kanal, um seine Botschaft zu verbreiten: „Digitalisierung ist kein Projekt, sondern ein Prozess.“ Ein Satz, der in einer Branche, die oft noch mit Excel-Tabellen arbeitet, wie eine Provokation klingt. Doch genau das ist sein Erfolgsrezept: Er spricht nicht über Technologie, sondern über Menschen. [5]

Dabei ist Herr kein unkritischer PropTech-Enthusiast. „Die Branche hat zu viele Lösungen für Probleme, die niemand hat“, sagte er einmal in einem internen Roundtable. Ein Vorwurf, der besonders Startups trifft, die mit viel Venture Capital, aber wenig Marktkenntnis antreten. „2021 wurden 32 Milliarden Dollar in PropTech investiert – und wie viele dieser Lösungen sind heute noch im Einsatz?“, fragte er rhetorisch. Seine Antwort: „Zu wenige.“ Statt auf Hype setzt er auf nachhaltige Geschäftsmodelle. „Ein gutes PropTech-Startup erkennt man daran, dass es auch ohne Risikokapital überlebt.“ Ein Standpunkt, der in einer Zeit, in der viele Gründer auf Exit-Strategien statt auf Kunden fokussiert sind, fast schon revolutionär wirkt. [6]

Was bleibt von Thomas Herr? Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Bodenständigkeit und Weitsicht. Ein Mann, der als Tischler anfing und heute die digitale Zukunft der Immobilienbranche mitgestaltet – ohne dabei den Bezug zur Realität zu verlieren. „PropTech ist kein Hexenwerk“, sagte er kürzlich in einem Workshop. „Es ist Handwerk. Und das beherrscht er wie kein Zweiter.“. [2]

Hintergrund

Die DACH-PropTech-Szene steht unter Druck: Während in den USA und Asien Milliarden in digitale Immobilienlösungen fließen, kämpft der deutschsprachige Raum mit Fragmentierung und Skepsis. Hier kommt Thomas Herr ins Spiel. Als Präsident des iddiw und ehemaliger CBRE-Manager verbindet er die Welten von Big Data und Backstein – und setzt auf Standardisierung statt auf Einzelkämpfer. Sein Einfluss reicht von Deutschland, wo er Datenstandards für Gebäudemanagement vorantreibt, bis in die Schweiz, wo PropTech-Finanzierungen zuletzt spürbar anzogen. Doch sein größter Verdienst? Er macht PropTech greifbar – nicht als abstrakte Technologie, sondern als Werkzeug für die tägliche Arbeit von Facility Managern, Asset Ownern und Mietern.

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